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Vogelbeobachtung in Skandinavien: Arktische Arten und unberührte Natur

· Hanni und Jörg Raasch
Vogelbeobachtung in Skandinavien: Arktische Arten und unberührte Natur

Wer einmal im hohen Norden unterwegs war, versteht sofort, warum Skandinavien für Vogelbeobachter eine Art gelobtes Land ist. Die Weite der Landschaft, das besondere Licht in der Mitternachtssonne, die nahezu ungestörten Biotope – all das schafft Bedingungen, die man anderswo in Europa kaum noch findet. Jörg und ich haben Norwegen mehrfach bereist, und jedes Mal kehren wir mit vollen Speicherkarten und dem Gefühl zurück, etwas Besonderes erlebt zu haben.

Warum Norwegen für Birder so besonders ist

Norwegen bietet eine außergewöhnliche Vielfalt an Lebensräumen auf engem Raum. Von den Fjordküsten über die borealen Nadelwälder bis hin zur baumlosen Fjelllandschaft und dem arktischen Norden – jede Zone hat ihre eigenen Arten, ihre eigene Stimmung. Was uns als Fotografen besonders fasziniert: Die Tiere sind hier noch verhältnismäßig scheu, aber nicht extrem fluchtbereit. Man kommt dichter ran, ohne stundenlang im Tarnzelt warten zu müssen.

Die Vogelbeobachtung in Skandinavien lohnt sich eigentlich das ganze Jahr über, aber die Hauptsaison für die meisten Reisenden liegt zwischen Mai und August. Im späten Frühjahr sind die Zugvögel noch nicht alle auf ihren Brutplätzen angekommen, während sich der Sommer ideal für Brutnachweise und Kükenbeobachtungen eignet.

Die Highlights: Arktische Arten, die man kennen muss

Papageitaucher und Tordalken an den Küsten

An Norwegens Westküste und insbesondere auf Inseln wie Røst oder Runde findet man riesige Kolonien von Papageitauchern (Fratercula arctica). Diese Vögel sind für Fotografen ein wahrer Segen – farbenprächtig, neugierig, und sie landen in direkter Nähe zu wartenden Beobachtern. Kombiniert mit den Tordalken, Tordmöwen und Dreizehenmöwen entstehen an einem einzigen Abend Hunderte von Bildern.

Das Besondere an diesen Küstenstandorten: das Abendlicht fällt in den Sommermonaten lange und warm. Wer um 21 Uhr noch am Kliff steht, fotografiert in goldenem Licht – ohne Stativ oft nicht mehr machbar, aber mit wunderschönen Ergebnissen.

Schneeeulen und Schneehühner im Fjell

Wer weiter in den Norden vordringt – Richtung Finnmark oder in die Hochlagen der Hardangervidda – hat die Chance auf Begegnungen, die in Mitteleuropa vollkommen undenkbar sind. Schneehühner (Lagopus muta) laufen einem buchstäblich vor die Linse, und in manchen Jahren, wenn die Lemmingpopulation hochgeht, häufen sich auch Sichtungen der Schneeule deutlich.

Das erfordert etwas Planung: Man braucht geländetaugliches Schuhwerk, Erfahrung im Umgang mit wechselhaftem Gebirgswetter und im Idealfall lokale Kenntnisse über aktuelle Sichtungen. Wir nutzen dafür gerne die norwegischen Vogelbeobachter-Netzwerke und die lokale Ranger-Station in den jeweiligen Nationalparks.

Zugvogelrast auf den Lofoten

Herbstliches Birding in Norwegen hat eine ganz eigene Qualität. Auf den Lofoten sammeln sich im September und Oktober durchziehende Arten aus dem gesamten nördlichen Europa. Greifvögel, Limikolen, Enten – die Vielfalt kann an guten Tagen überwältigend sein. Besonders spektakulär: große Schwärme von Bergfinken und Seidenschwänzen, die die Inseln als Raststation nutzen.

Praktische Tipps für die Fotoreise

Anreise und Basis: Die meisten Birdingreisen starten in Bergen, Ålesund oder Tromsø. Von dort aus sind die wichtigsten Standorte gut erreichbar. Mietwagen sind fast unverzichtbar, da der öffentliche Nahverkehr in abgelegene Gebiete oft nicht fährt.

Ausrüstung: Lichtstarke Teleobjektive ab 500 mm sind in Skandinavien sicher keine Fehlinvestition, aber auch kürzere Brennweiten kommen an Vogelkolonien oft zum Einsatz. Wetterfestigkeit ist Pflicht – Regen, Wind und Temperaturschwankungen gehören dazu, selbst im Sommer.

Unterkunft: Wir bevorzugen kleine Fischerhütten direkt an der Küste. Sie sind günstig, atmosphärisch, und man ist morgens sofort im Geschehen – ohne lange Anfahrt zu den Beobachtungsstandorten.

Beste Reisezeit:

  • Mai bis Juni – Balz, Ankunft der Zugvögel, lange Lichttage
  • Juli – Kükenzeit in den Kolonien, Mitternachtssonne
  • September/Oktober – Zuggeschehen, herbstliche Farben, weniger Touristen

Vogelbeobachtung mit Respekt

Was uns in Skandinavien immer wieder auffällt: Das Bewusstsein für naturverträgliches Verhalten ist dort gesellschaftlich tief verankert. Viele Norweger erwarten dasselbe von ihren Gästen. Kein Heranschleichen an Brutkolonien, kein Klangspielen, um Vögel anzulocken, kein Verlassen der markierten Wege in sensiblen Gebieten.

Das gilt natürlich auch für uns Fotografen in besonderem Maße. Ein starkes Bild zu machen, das auf Kosten des Tieres geht, ist kein Erfolg. NABU hat dazu gute Hinweise zum verantwortungsvollen Beobachten zusammengestellt, die sich auch auf internationale Reisen übertragen lassen.

Ein Ort, zu dem man immer zurückwill

Skandinavien lässt einen nicht los. Jede Reise eröffnet neue Fragen, zeigt unbekannte Ecken, bringt unerwartete Begegnungen. Wer einmal den Ruf eines Sterntauchers über einem stillen norwegischen See gehört hat, oder eine Rauhfußbussard-Balz im Fjell beobachtet hat, versteht das.

Für uns ist Norwegen neben Südafrika das zweite große Ziel geblieben – zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und doch verbindet beide die gleiche Unmittelbarkeit der Natur.